Telgter Traufen

Wer  aufmerksam durch den historischen Stadtkern von Telgte spaziert, bemerkt bald einen gewissen Zusammenhang der Dinge. Eine stadträumliche Handschrift wird erkennbar, die Gebäude, Straßen und Plätze umfasst. Sie hat sich über die Jahrhunderte entwickelt und beschreibt die architektonische Identität von Telgte. Besonders prägend ist die Ausrichtung der Häuser entlang der mittelalterlichen Straßenführung. In der Regel sind es die schmalgeschnittenen, ortstypischen Parzellen, die giebelständige Häuserreihen entstehen lassen und deren „Gesichter“ die Adressen an der Straße bilden. Trifft eine Parzelle auf eine Ecklage, zeigen sich häufig langgezogene Traufen. Wenngleich es andere bauliche Antworten auf jene Ecklagen gibt, lässt sich durch den ausdrücklichen Wechsel von Giebel und Traufe diese Besonderheit lesbar machen.

Der vorliegende Entwurfsbeitrag formuliert eine sensible Stadtreparatur, die die baulichen Besonderheiten der Stadt Telgte verinnerlicht und veranschaulicht. So sind es giebelständige Wohnhäuser entlang der Ritter- und der Königstraße und traufständige Gebäude zum nachbarlichen Solitär der Geschäftsstelle der Volksbank am Steintor und zum Baßfeld, die die stadträumliche Korrektur einer Fehlstelle innerhalb des mittelalterlichen Stadtgrundrisses beschreiben. Fortsetzen lässt sich die typologische Reparatur auch über den Solitär hinweg und zeigt auf diese Weise Potenziale für zukünftige Projekte auf.

Programmatisch lassen sich die dargestellten Häuser in zwei Gruppen einteilen. Jene Giebelhäuser mit frei finanzierten Wohnungen und das Ensemble des traufständigen Langhauses mit seinen geförderten, seniorengerechten Wohnungen in den Obergeschossen sowie einer Pflegegruppe im Erdgeschoss. Ein Bäckerei-Café vervollständigt den Nutzungsmix. Durch den Rücksprung des Eingangsbauwerks des Langhauses entsteht ein kleiner, städtischer Vorplatz, der dem groß gewachsenen Baum auf der Grundstücksgrenze ausreichend Raum gibt und eine repräsentative Adresse schafft.

Die dargestellten Häuser entsprechen mit ihrer inneren Struktur der äusseren Form. Die Giebelhäuser erhalten eigene Eingänge und die Grundrisse übertreten nicht die Schwelle des Nachbarn. Alle Wohnungen können barrierefrei erschlossen werden, besitzen einen offenen Aussenraum zum Garten und können unter den Aspekten der Nachhaltigkeit errichtet und betrieben werden.

Die Fassaden sind zeitgenössisch modern gegliedert. Vereinzelt werden Gestaltungselemente aus der historischen Nachbarschaft zitiert. Städtisch und repräsentativ zur Strassenseite, offen und hell zur Gartenseite. Die Tiefgarageneinfahrt erfolgt über das südliche Ende der Königstraße. Das vorgestellte Gebäudeensemble fügt sich harmonisch in das gewachsene Stadtgefüge von Telgte ein, ohne dabei auf eine Eigenständigkeit zu verzichten. Vielmehr sind es ehrliche Architekturen, die übrig gebliebenen Wunden der Stadt zu schließen wissen.